Komm du, die Geschichte


Komm du


Diese Schaltskala konnte mit einigen Myriaden Möglichkeiten reagieren. Dennoch war sie übersichtlich angeordnet, und Fokus hatte keine Schwierigkeiten, sie zu bedienen. Ihm war es ohnehin nicht wichtig, jemals zu erfahren, welches System dahinter steckte oder wieviele Einzelheiten daran beteiligt waren, solange er nur immer mit der Skala spielen durfte. In seiner bequemen Halterung, die ihn zur Schlafzeit wie zur Spielzeit trug, erschien ihm nur noch das Ausforschen der schier unerschöpflichen Schaltungen bedeutsam, konnte er sich doch nicht einmal entsinnen, zu irgendeinem Zeitpunkt etwas anderes getan zu haben.

Konzentriert blickte Fokus auf zwei Sichtschirme, die ziemlich in der Mitte der Skala angebracht waren. Darauf konnte er sanft leuchtende Zeichen erkennen. Nach wenigen Augenblicken der Beobachtung gab es für Fokus keinen Zweifel mehr, es waren Zeichen, die den Wunsch irgendeines anderen Skalaspielers zur Kontaktaufnahme mit ihm symbolisierten. Dieser so seltene Vorgang löste doch einige Unentschlossenheit bei Fokus aus, denn eine Kontaktaufnahme oder Spielbegegnung, wie es unter den Akteuren genannt wurde, versprach eigentlich immer, sehr anstrengend zu werden. Bei dem Überfluß der Entspannungs-und Zeitvertreibangebote kam es auch zunehmend seltener zu solchen Begegnungen, erforderten sie doch auch jedes Mal ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit.Vermutlich verfielen alle anderen ebenso wie Fokus der angenehmen Dimension des Vergessens.

Die zögernde Reaktion hatte bei Fokus den Entschluß, auf diese Begegnung einzugehen, nur ein wenig hinausgeschoben, dann betätigte er doch die Exkurs-Taste, um von neuem die Anstrengung einer genauen Schirmbeobachtung auf sich zu nehmen.Jetzt war es an dem anderen, seine Schaltungen einzustimmen. Der andere, wer auch immer das war, hatte mit seinem Anliegen zu einer Spielbegegnung wohl gerade den richtigen Augenblick getroffen, denn Fokus befand sich in einer ausgesprochen belebten Stimmung. Das vorangegangene Spiel erforderte zwei Halbkreisdrehungen seiner Halterung, und die Wirkung war äußerst anregend und kräftigend. Dazu kam noch die Erfahrung, daß sich einige Aufregung ganz gut auf die Schlafzeit auswirkte. Viel zu schnell war er sonst immer hellwach, wenn, wie es zur Schlafzeit öfter geschah, die Autoks seine Kapsel aufsuchten, um die Anlagen zu überprüfen. Natürlich war es erheblich schlimmer, wenn diese widerlichen kleinen Robots aus wichtigen Gründen genau zur Spielzeit in Erscheinung traten. Besonders schrecklich erschien es Fokus wohl, durch die selbstgesteuerten Autoks an seine eigene Bewegungsarmut erinnert zu werden. Diese üble Seite seines Daseins wurde jedoch um vieles mit Hilfe der Skala wieder aufgehoben.

Fokus lehnte sich behaglich zurück, denn die musischen Klänge, die den Raum zunehmend durchwanderten wie weiße, windbewegte Wolken am blauen Himmel, zeigten den Beginn der Begegnung mit dem anderen an. Oft hatte Fokus in Filmen den von leichten Wolken durchwanderten blauen Himmel gesehen. Bei den fast sichtbar schwebenden Klanggeräuschen, die sich überall im Kapselraum langsam und harmonisch durch die Luft bewegten, kam ihm deshalb der Vergleich mit den Wolken in den Sinn. Weil dieser Gedanke so zutreffend war für das, was Fokus sah und hörte, sollte er auch sofort dem anderen zugute kommen.

Über die Anlage konnten alle Gedankenbilder zum jeweils angeschlossenen Empfänger teleprojiziert werden, so daß Fokus, wenn er sich ein Bild intensiv vorstellen konnte, nur die Exkurs-Taste einrasten lassen mußte, damit diese Vorstellung zum Empfänger gelangte. Längst lauschte er wieder den verbliebenen Klangresten, die immer noch seine Aufmerksamkeit herausforderten, denn die Bedienung der Exkurs-Taste war nur eine kurze Zwischenbelastung.

Das Wunderbare an einer Spielbegegnung waren immer wieder die überraschenden Schönheiten und Harmonien, die von beiden Spielern gleich Assoziationen zu einer langen Kette schmeichelnder und erregen der Sinneseindrücke aneinandergereiht werden konnten, welche man sich gegenseitig im Verlauf eines Kontaktes in die Kapselräume projizierte. Schnell ging eine solche Begegnung dann meistens jedoch an der Entwicklung unangenehmer Projektionen zu Ende. Fokus konnte sich an eine Übertragung erinnern, die an dem Auftauchen mathematischer Symbole scheiterte, oder in einer anderen Begegnung war es einfach ein Bild, in dem tanzende Roboter vorkamen. Solchen Bosheiten ging er kurzum durch Kontaktunterbrechung aus dem Wege. Ein blauer Himmel mit schneeweißen Wolken darin war hingegen schon ein guter Anfang, und das machte Fokus richtig stolz.

Lange brauchte er auch nicht zu warten, um den Einfall des anderen auf seine Idee hin kennenzulernen, denn da drängte sich etwas aus der Skala wie ein junger Keim heraus, das von Zwitscher- und Flattergeräuschen begleitet wurde. Zart und lebendig verdichtete sich die Wahrnehmung zu einem undurchdringlich belaubten Baum. Am Ende war in der Kapsel nur noch seine mächtige Krone zu sehen. Kleine farbenprächtige Vögel hüpften in den Zweigen und die Sonne schickte ihre Strahlen durch das Geäst hindurch. Selten erweckten Übertragungseindrücke ein sehnsüchtiges Staunen in Fokus, doch hier verstieg er sich für wenige Augenblicke traumgleich in der Schau. Sein inneres Auge füllte sich dabei mehr und mehr mit einem Bild von spielenden Kindern. Sie lachten und waren glücklich. Auf einer großen Grünfläche tollten sie mit einer kleinen, leichten Kugel herum und erfüllten Fokus' Phantasie mit springendem Leben. Er vergaß nicht, die Exkurs-Taste zu drücken, denn bestimmt war im Verlauf dieser Begegnung mit einer großen Menge an Wundern und Schönheiten zu rechnen. Den Baum und die Vögel konnte er nur noch bei starker Konzentration erkennen, doch schien ihm der Kraftaufwand nicht sinnvoll, zumal er mit unruhigen Sinnen den nächsten Eindrücken entgegensah. Unwillkürlich schloß Fokus seine Augen. Wie ein süsser Duft stieg es empor. Langsam öffnete er den Mund, vielleicht nur einen kleinen Spalt, um den wundervollen Geschmack herauszulassen, der seinen Gaumen umstrich und die Nase angenehm reizte. Trotz dieser erstaunlichen Empfindungen wurde Fokus völlig von den Lauten überrascht, die aus seinem eigenen Munde kamen. Er schlug die Augen auf, fast so, als wolle er die Töne sehen. Er sah sich von Ereignissen mitgerissen, die in ihrem Gefolge Erinnerungen und Wünsche ohne absehbares Ende entfesselten, daß er kaum noch die Zeit fand zu staunen. Mit seinen eigenen Ohren hörte er, wie sein Mund ein Lied sang. Jeder Ton war deutlich zu vernehmen, und das wohl Seltsamste an dem ganzen Phänomen waren die Worte, von denen er jedes verstand. Es war ein Kinderlied. Dankbar sog sein Bewußtsein in sich auf, was es verstehen konnte, als hätte es die ganze Zeit nur auf dieses Lied gewartet. Fokus begann seinen Körper im Rhythmus des Liedes zu wiegen. Anfangs noch vorsichtig und ängstlich, doch schon nach kurzer Zeit wurden seine Bewegungen intensiver und eine verloren geglaubte Freude brach aus ihm hervor. Immer wieder setzte er an, um diese schöne Musik und den einfachen Text mit dem ganzen Körper zu erobern.

        Ein Männlein steht im Walde
        auf einem Bein.
        Sag wer mag das Männlein sein,
        das da steht auf einem Bein;
        ein Männlein steht im Walde
        auf einem Bein.


Die Halterung hatte schon die kraftvollen Schwingungen einer Schaukel erreicht, da Fokus mit jedem neuen Anfang lauter sang, und die Drehungen der Halterung durch seine begeisterten Schwünge heftiger wurden. Jedoch zeichnete sich hier auch bereits langsam das Ende seiner berauschenden Aktion ab, denn ungewohnt der damit verknüpften Anstrengung machte ihm bald schon die Ermüdung zu schaffen. Als er das Lied nur noch vor sich hin summte, begann er, darüber nachzudenken. Wenn er es sich genau überlegte, konnte er das Lied doch nicht ganz verstehen. Bei diesem Gedanken wurde ihm unbehaglich. Irgendwo in dem Text mußte ein Fehler stecken, und Fehler waren ihm schon immer unheimlich. Fast hätte Fokus den Kontakt deshalb abgebrochen, da hatte er einen Einfall, der ihm wie ein breiter Ausweg aus dem Durcheinander erschien. Überraschend waren seine Überlegungen auf den vermeintlichen Fehler gestoßen. Das aber war ein Umstand, der Spannung in das Spiel brachte. Die Lust an der Begegnung gewann wieder die Oberhand, und die Neugier auf die Antwort, die er von dem anderen erhalten würde, wurde zur wahren Triebfeder, wenn er sich die Teleprojektion über den Unsinn, der in dem Lied vorkam, ausmalte, die der andere von ihm empfangen würde. Vielleicht hatte der andere sogar eine Lösung bereit. Fasziniert von seiner Idee schlug er auf die Exkurs-Taste. Dabei dachte er konzentriert: "Sag, wer mag das Männlein sein?"

Es folgte eine körperlich spürbare Stille. Selbst die Skala strahlte nur ein mattes Licht in den Raum. In langgezogenen Abständen ertönten leise Bereitschaftssignale. Die abgedunkelte Beleuchtung, welche die Stille noch besonders herausstrich, brachte Fokus in die bedenkliche Nähe eines Alpdrucks.

Ob sein empfindsames Gemüt durch eine derart leere Hülse hindurchfinden konnte, wurde immer zweifelhafter. Während dessen nahmen die Befürchtungen, er könnte den anderen beleidigt haben, ständig zu. Wie Schlinggewächse rankten sie sich um die gleichzeitig ins Traumhafte wachsenden Erwartungen herauf. Darum war er enttäuscht, als nach so aufreibender Wartezeit eine unerwartet schwache Reaktion des anderen durch seine Anlage angezeigt wurde. Beinahe hätte er sogar das Aufleuchten der Bildschirme übersehen. Klar hoben sich blaue Schriftzeichen von einem sanft gelben Hintergrund ab. Wo nahm der andere nur ein so albernes Spiel her? Automatisch blickte Fokus jedoch auf die Schirme, um die Schriftzeichen zu entziffern. Möglicherweise war die brennende Neugier dafür verantwortlich, die mittlerweile schon fast sein ganzes Handeln bestimmte. Jedenfalls wuchs sein Interesse ebenso schnell wieder an, wie es vorher um Haaresbreite zu zerrinnen drohte, als er die Worte las: "Ich weiß es! Ich weiß es! Ich kann es vom Fenster her sehen."

Solche Worte waren wie geschaffen, die Spannung aufs neue zu erhöhen. Die Neugier wurde bei Fokus so sehr angestachelt, daß er ziemlich unruhig wurde. In seiner Aufregung vergaß er ganz, worauf er eigentlich neugierig war. Er fühlte sich einfach getrieben, nun endlich mehr zu erfahren. Seine Wißbegierde wurde derart grundsätzlich, daß es ihm wichtig erschien, in die Anlage zu fragen: "Wer bist du?"

Wenn der andere es tatsächlich wußte, wie er vorgab, und es dazu noch selber sehen konnte aus einem geheimnisvollen Fenster, dann mußte Fokus ihn ohne Aufschub kennenlernen. Ihm war dabei, als könnte diese bedeutsame Begegnung durch irgendeine unerwünschte Störung unterbrochen werden. Das spornte ihn zu einer besonderen Eile an, als er die Skala auf Sichtschirmkontakt umstellte, damit seine Frage den anderen genauso präzise erreichte wie er selbst die Worte von ihm empfangen konnte.

"Ich bin Fokus", war bald darauf auf dem Schirm zu lesen. Ungläubig setzte Fokus immer wieder aufs neue an,die Worte zu entziffern, als könnte er sie auf diese Weise verändern. Doch der Text blieb. Um nicht in Panik zu geraten, fütterte er die Anlage gleich mit der ersten Frage, die sich in seinem Kopf bildete: "Wie kannst du Fokus sein?"

"Du kannst mich doch mal anschauen, dann siehst du, daß ich es bin", war kurz darauf zu lesen. Dieser Mensch hatte wirklich einen Hang zu übertreiben. Obgleich er es verstand, der Neugier bei Fokus ständig neuen Brennstoff zu liefern, schlich sich dennoch Langeweile in die Unterhaltung

ein. Das Nachdenken nahm Fokus so sehr in Anspruch, daß ihm mit zunehmender Müdigkeit das Rätsel immer undurchsichtiger erschien. Unabhängig davon hatte ihn ein quälender Wissensdurst gepackt. Ohne Rücksicht auf seinen schlaffen Körper fraß er sich wie wirklicher Durst in seine Gefühle. Diesem Drängen war er ausgeliefert, und es stand für ihn fest, daß er, um wieder ruhig zu werden, auf irgendeine Weise eine Lösung für die spannungsgeladene Situation finden mußte. Darum dachte er lange über eine geeignete Frage nach, eine Frage, welche die richtige Antwort erzwang.

Wenn Fokus sich auch nicht vorstellen konnte, wie eine richtige Antwort wohl aussehen müßte, so glaubte er doch, einen sehr schlauen Plan zu haben. Die Worte wählte er sorgfältig, als er übermittelte: "Zeig mir, wer das Männlein ist, dann will ich auch glauben, daß du Fokus bist."

Wieder verstrich eine unbequeme Weile des Wartens. Fokus überbrückte die Spannung fast ohne sich aufzuregen, indem er Vermutungen darüber anstellte, ob sich der andere wohl noch einmal aus der Zwickmühle herauslotsen konnte. Er spielte auch mit dem schadenfrohen Gedanken, daß er dem anderen jetzt seinerseits ein Rätsel aufgegeben hätte. Die überraschende Antwort des anderen zerstörte jedoch schnell seine Spekulationen ebenso wie seine versponnene Selbstaufwertung: "Wenn du wissen willst, wer das Männlein ist, dann mußt du zu mir kommen."

Das erboste Fokus bis ins Letzte. Deshalb fiel ihm auch gleich die passende Antwort ein: "Komm doch selbst und zeig es mir."

"Bitte komm du, ich habe doch das Fenster." Wie mit böser Absicht vorbereitet, strahlten diese Worte kurz darauf aus den Bildschirmen. Das reizte die Stimmung bei Fokus bis ins Unerträgliche auf. Eine solche Gemeinheit würde sich niemand bieten lassen. So ein Lügner war der andere, wollte er sich doch nur darum drücken, ihm das Männlein zu zeigen. In seiner Wut unterbrach Fokus den Kontakt. Was sollte er sonst tun? Mit dieser Überlegung fühlte er sich unsagbar allein. Sein Innerstes war aufgewühlt, und die einzige Möglichkeit, eine Antwort zu finden oder sich wenigstens nicht so allein zu fühlen, hatte er zunichte gemacht. Es dauerte nicht lange, und die Unruhe,die sich mehr und mehr mit immer wiederkehrenden Gedanken vermischte, begann, seinen Körper zu schütteln. Die Angst und die Schmerzen waren schlimm. Bevor er es zu begreifen vermochte, fand er sich plötzlich in einer anderen Lage wieder. Fassungslos stand er neben seiner Halterung.

Als wäre er von fremden Kräften gesteuert, bewegte er sich sogleich auf den Ausgang des Kapselraumes zu. Erst nachdem er die Verschlußklappe erreicht hatte, stürzte die Erkenntnis dessen, was er hier tat, mit ganzer Wucht über ihn herein. Die aufsteigende Ohnmacht konnte er nur überwinden, weil er sich fest an den Griff der Verschlußklappe klammerte.

Der Zusammenprall mit den Konsequenzen jahrelanger Bewegungsarmut, den er erlebte, wurde durch seine Angst, er müsse jetzt sterben, bis an die Grenze der Erträglichkeit gesteigert. Alle Gedanken konzentrierten sich voller Reue auf die Frage, wie er sich von der Neugier so gefangen nehmen lassen konnte, daß er nun diese furchtbaren Folgen an seinem Körper zu spüren bekam. Doch irgendwo fühlte Fokus dennoch, was ihn zu solchen übermenschlichen Leistungen trieb. Darum widerstand er auch dem zwingenden Wunsch, schnell und vorsichtig wieder seine Halterung aufzusuchen. Selbst die körperliche Schwäche, die ihn wie einen Sack gegen die Wand drückte, konnte ihn nicht gänzlich überrennen. Um keinen Preis wollte er ihr nachgeben. Kurze Augenblicke nur empfand er den Triumph, der ihn mit Siegermiene auf die geschlagene Hilflosigkeit blicken ließ, dann sah er sich wieder mit weichen Knien der Wirklichkeit ungelöster Fragen und Schwierigkeiten gegenüber.

Die Wunde war durch einen schnellen Rückzug in die Halterung nicht mehr zu heilen, doch behagte ihm auch nicht die Vorstellung, nun den nächsten Schritt zur endgültigen Aufklärung der Verwirrung zu tun.So stand er an dem Ausgang, zitternd, nackt und dennoch entschlossen.

Die Klappe ließ sich unerwartet leicht öffnen, und Fokus stolperte um sich greifend ins Freie. Ein kurzes Stück schleppte er sich mit geschlossenen Augen voran, dann ließ er sich einfach auf den weichen, saftigen Boden fallen. Nach einigen tiefen Atemzügen setzte er sich auf, öffnete die Augen und sah den Himmel. Er senkte den Kopf und blickte in die Runde. Dann erkannte er im Zwielicht Bäume und Sträucher, die sich über eine große Ebene in weiten Abständen bis an den Horizont erstreckten. Fokus stützte sich mit der einen Hand im weichen Gras ab, während die andere seinen Kopf an den Haaren festhielt. Wie Hammerschläge trafen diese Eindrücke auf seinen strapazierten Körper. Die ersten Sterne tauchten bereits am Himmelsrund auf. Gleich zu Anfang hatte er gefühlt, daß er im Freien war, obwohl er die freie Natur nur aus Filmen kannte. Seine Augen mußten ihm aber erst versichern, was er kaum glauben konnte. Keine zwanzig Schritte von seinem Platz entfernt erblickte er ein großes, graues Ei. Es war nicht das einzige, denn weiter entfernt verteilten sich noch viele andere gleichgeformte Eier über die Ebene, als hätte der Himmel sie irgendwann einmal heruntergeregnet.

Fokus fror und stand auf. Überwältigend und doch Ruhe einflößend wirkte die Landschaft auf ihn. Längst vergessene Erinnerungen kehrten in sein Gedächtnis zurück, und neue Kräfte wurden in ihm wach. Langsam, noch schwankend, ging er auf das große Ei zu. Fokus brauchte sich nicht mehr umzudrehen, um zu wissen, daß auch seine Kapsel ein großes, graues Ei war.

Der prächtige Strauch mit den vielen roten Beeren, der in der Dämmerung vor dem Eingang leuchtete, zog ihn an.Während er sich Schritt für Schritt der Kapsel näherte, begann er, das Kinderlied zu singen. Das Echo brachte seinen Gesang über die leere Ebene wieder zurück. Er mußte lachen. Nur wenige Schritte war er noch mit dem schönsten Einfall, den er je gehabt hatte, vom Eingang der anderen Kapsel, entfernt. Er brauchte nur den Verschluß zu öffnen und es laut hineinzurufen.

© 1975 by Helmut Barthel, MA-Verlag


Erschienen in der Kurzgeschichten-Sammlung:

Helmut Barthel
Ein Tag wie morgen
Kleine Geschichten
MA-Verlag, Stelle-Wittenwurth, Juli 2017
Paperback
172 Seiten
Euro 9,00
ISBN 978-3-925718-37-3

Weitere Informationen: www.maverlag.de






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